Elfriede Jelinek, Wissenschaft und Kunst

Das Bezugs- und Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst wird in Elfriede Jelineks Werk in vielfacher Weise thematisiert.  Ihre Arbeiten stellen intertextuelle Bezüge zu wissenschaftlichen Texten her oder greifen wissenschaftliche Erkenntnisse als Quellen und Impulse für eigene Fragestellungen auf. Wissenschaftler*innen finden als Figuren, Stimmen oder Sprechinstanzen in ihre literarischen Texte Eingang –  so zu Beispiel im Science-Fiction-Hörspiel Die Bienenkönige (1976), in dem nach einem Super-GAU Wissenschaftler ein dystopisches und elitäres System der Geburtenkontrolle etablieren.

In ihren essayistischen Beiträgen denkt Jelinek außerdem explizit über das Spannungsfeld von Wissenschaft und Kunst nach oder kritisiert die Herrschaftsförmigkeit von Wissensordnungen und die patriarchalen Implikationen ihrer historischen Ein- und Ausschlussmechanismen von etablierten Systemen der Wissenschaft.

Darüber hinaus reflektiert die Autorin aber auch in spezifischer Weise über theoretische Themenkomplexe, wie sie auch im Mittelpunkt wissenschaftlicher Forschung stehen. So ist das gesamte Werk der Autorin von der systematischen Erforschung des Verhältnisses von Sexualität, Macht und den gesellschaftspolitischen Bedingungen der Geschlechterungleichheit durchzogen. Sie bringt diese Fragen aber im Gegensatz zur theoretischen Arbeit nicht durch logische Beweisführung zu einem Ergebnis, sondern setzt sie sie vielmehr im Medium der Literatur in Szene – sie „beforscht“ sie also mit den Mitteln der Kunst.

Und nicht zuletzt ist Jelineks Arbeit seit Jahrzehnten selbst Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung und Bearbeitung ebenso wie der geistes- und sozialwissenschaftlichen Rezeption. Ihr Werk trägt auf diese Weise ebenso zu künstlerischen wie zu wissenschaftlichen Diskursen der Gegenwart bei.